Posts mit dem Label Pickel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Pickel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 11. Dezember 2015

Mit guter Ernährung die Haut versöhnen

... so könnte man kurz das Anliegen umreißen, das Ernährungsberaterin Sabine Kakizaki zu uns in die Selbsthilfegruppe brachte. Aber was hat Ernährung mit Skin Picking zu tun? Hat das, was wir essen, überhaupt einen Einfluss auf unseren Hautzustand? Und kann man daraus irgendwelche Empfehlungen ableiten?
Kann man. Aber dazu später. Erst einmal ein paar Worte zur Referentin:


Eine Hamburgerin in Köln

Sabine Kakizaki, ursprünglich aus Hamburg, lebt schon seit über 20 Jahren in Köln und praktiziert im südlichen Stadtteil Bayenthal als Heilpraktikerin für TCM (Traditionelle Chinesische Medizin). Als ich sie fragte, ob sie bereit sei, für unsere Gruppe einen Vortrag zu halten - ohne Bezahlung -, sagte sie sofort zu. Das freut uns sehr. Vielen Dank dafür!

Sabine Kakizaki beim Vortrag. Bild: Ingrid Bäumer

Eine alte Heilkunde

Die traditionelle chinesische Medizin, an der sich Sabine Kakizaki im Wesentlichen orientiert, basiert auf uralten Naturbeobachtungen. Schon vor Jahrtausenden haben Menschen in China genau registriert, wie alle möglichen Dinge, darunter auch Ernährung auf den menschlichen Körper und  Geist wirken. Als Erklärung haben sie das Chi-Modell entwickelt - die Lebensenergie, die sich in Yin und Yang aufteilt. Wir kennen sie alle von diesem Zeichen:

Bild: Lebensmittelfotos, Lizenz CC0

Den beiden Energien, die das Chi formen, werden gegensätzliche Eigenschaften zugesprochen:
  • Yin: schwarz, weiblich, Nacht, klein, ...
  • Yang: weiß, männlich, Tag, groß, ...
Sind Yin und Yang in einem Menschen im Einklang, dann fließt die Lebensenergie ungehindert: Er/sie fühlt sich wohl. Das heißt auch, dass jeder Mann Anteile weiblicher Energie in sich trägt und jede Frau männliche. Kann ein Mensch zum Beispiel nachts nicht schlafen, dann liegt etwas mit seinem Yin im Argen. So weit, so simpel.

Bild: Patticake, Lizenz CC0

Die fünf Elemente

Aber jetzt kommt's: Neben Yin und Yang gibt es in der TCM noch die fünf Elemente! Und zwar diese:
  • Wasser: steht für Winter, den ersten Impuls, Selbstverantwortung, Willenskraft und das Bauchgefühl
  • Holz: Frühjahr, Dynamik, Durchsetzungsfähigkeit, Flexibilität (z.B. Bambus).
  • Feuer: Sommer, Sprache, Freude, Liebe, aus sich herausgehen
  • Erde: Spätsommer, Erntezeit, Reife, das mütterliche Prinzip
  • Metall: Herbst, Trauer, Ordnung, Klarheit
Bild: bykst, Lizenz: CC0

Und nun ratet mal, welches Element für unsere Haut steht - denn das ist das Element, auf das wir natürlich hier unser besonderes Interesse richten!


Der Beamte unter den Elementen

Nicht sehr sexy, aber laut TCM eben wahr: Das menschliche Organ Haut wird dem Metall zugeordnet. "Metall ist der Beamte unter den Elementen", sagt Sabine Kakizaki. Auch Lunge und Dickdarm gehören in diese Kategorie. Die Botschaft, die uns das Element Metall im Leben vermittelt, fasst Sabine Kakizaki so zusammen: "Wir können nicht alles behalten. Wir müssen auch manchmal loslassen, was wir nicht mehr brauchen." Zwang sei eine Emotion im Metall, denn der Zwangskranke könne nicht loslassen. "Man kann versuchen, den Zwang zu entspannen mit Akupunktur und Kräutern."

Bild: Cortixxx, Lizenz CC0

Die Haut: Grenze und Kontaktfläche

Es gibt viel Faszinierendes an der menschlichen Haut. Zum Beispiel dies: Sie bildet einerseits die äußere Grenze unseres Körpers, schirmt ihn gegen schädliche Einflüsse wie Gifte, Hitze oder Kälte ab. Zugleich ist die Haut aber auch die Kontaktfläche unseres Körpers zur Außenwelt. Sie ist robust und sensibel zugleich.

Die Ursache finden

Aber was macht eine Heilpraktikerin, wenn eine Kundin mit Hautproblemen zu ihr kommt? Sie versucht, die Beschwerden in Beziehung zu setzen mit den Elementen und deren Beziehungen untereinander - und letzten Endes möglichst die Ursache der Probleme zu behandeln, nicht nur die Symptome. Welche Rolle spielt dabei die Ernährung?


Warm oder kalt?

Die Verdauung, so erklärt Sabine Kakizaki, stellt man sich in der Traditionellen Chinesischen Medizin in etwa wie einen Kessel über einem Feuer vor. "Der Kessel ist unser Magen. Das, was wir essen, bestimmt die Kraft des Feuers, also der Verdauung." Alle Lebensmittel werden bestimmten Elementen zugeordnet. Wichtigste Unterscheidung dabei: Ist es ein eher "kaltes" oder ein eher "warmes" Lebensmittel?

Bild: Open Clipart Vectors, Lizenz CC0
Isst man zu viele "kalte" Lebensmittel, besonders im Winter, dann heißt das: Das Feuer muss sich besonders anstrengen, um die Aufgabe (Stoffwechsel) zu erfüllen. Das führe oft zu Blähungen und Völlegefühl. Was sind kalte Lebensmittel? Vor allem Rohkost wie Salate, Tomaten, Gurken - und die ach so gesunden Säfte und Smoothies. "Die haben zwar viele Vitamine", erklärt Sabine Kakizaki. "Aber wenn man nur Rohes isst, hat die Verdauung wenig Energie. Das gibt kalte Füße abends im Bett, man fühlt sich müde und erschöpft."

Wohlfühlen fängt beim Frühstück an

"Die wichtigste Mahlzeit des Tages ist das Frühstück", betont Sabine Kakizaki und hat einen Tipp, der für unseren Kulturkreis eher gewöhnungsbedürftig ist: morgens mehr gekochte Speisen essen! Das erleichtert die Verdauung. Zum Beispiel statt Müsli aufgekochten Haferbrei (Porridge). Der kann durchaus mit ("kaltem") Obst genossen werden, aber dann sollte das Obst mitgekocht worden sein.

Hmmm: Porridge! Bild: CNC, Lizenz CC0
Milch oder Joghurt dazu? Eher nicht, rät Kakizaki: Wir im Westen sind zwar inzwischen dran gewöhnt, aber eigentlich sei Milch nur etwas für Babys, nicht mehr für Erwachsene. Der Verdauung nütze sie ebenso wenig wie Käse und andere Milchprodukte. "Besser: zum Haferbrei Mandelmilch oder Hafermilch. Die gibt es im Bioladen und im Reformhaus."

Wer es morgens lieber deftig mag, darf sich mit Rührei verwöhnen - angereichert mit Gemüse, Pilzen und Zwiebeln. Eine ganz besondere Empfehlung hält Sabine Kakizaki für die Zuhörer bereit: Congee! Das ist Reisbrei, extrem nahrhaft und gut verdaulich. Und so kann er aussehen:

Chinesischer Reisbrei
Congee-Rezept auf Twitter. Hier geht's zum Rezept: http://bit.ly/1Y1Y4rm
Wirkt doch ganz appetitlich, oder? Congee hält sich im Kühlschrank drei bis vier Tage, kann also morgens einfach aufgewärmt werden. "Mit solchen Rezepten kann man auch den Süßhunger beruhigen", sagt die Ernährungsberaterin. Nicht so gut sei hingegen Brot. "Gegorener Teig hat sehr viel Feuchtigkeit, was in der TCM für Kühle steht." Schwer zu verdauen - und es macht Pickel!

Achtung: Bei diesen Lebensmitteln Pickelalarm!

Genauso schlecht für die Haut seien feingemahlenes Weizenmehl und Kuhmilchprodukte wie Quark und Joghurt. Ganz besonders sollten die Alarmglocken schrillen bei allen scharfen Lebensmitteln. Wobei mit scharf nicht nur Chili und Pfeffer gemeint sind, sondern alle "metallischen" Nahrungsmittel, sagt Kakizaki: "Ingwer ist nicht das Wundermittel, als das es heute immer dargestellt wird. Er ist nicht gesund für alle."
Aber auch alle getrockneten Gewürze wie beispielsweise Kümmel und Beifuß gehören in diese Kategorie. Scharf ist in dieser Gleichung gleichzusetzen mit heiß und heiß ist gleichzusetzen mit entzündungsfördernd, es trocknet die Haut. Hier lautet der Rat: Scharfe Lebensmittel sparsam verwenden.
Ach ja, leider: Auch Kaffee gehört dazu. Er regt den Geist an, mache uns aber auch unruhig und unausgeglichen. "Heiß" sind auch Lamm, Wild, Alkohol und Zigaretten. Im Winter Orangensaft trinken wegen der Vitamine? "Lieber Rote-Bete-Saft, Apfel oder Birne."
Und Dinge zu frittieren und braten, fügt ihnen noch mehr Hitze zu.

Gesund: Mandeln Bild: PDPics, Lizent CC0

Das zu essen, tut der Haut gut

Zu viel vom Element "Feuer" löst Hitzeprozesse im Körper aus, sagt Kakizaki. Aber es gibt auch Lebensmittel, die der Haut gut tun: viele Nüsse, zum Beispiel Mandeln, und vor allem Birne. "Sie wirkt gut bei trockener Haut." Morgens ein Glas heißes Wasser, mit Birnensaft angereichert für Feuchtigkeit, das tue der Haut gut.
Weitere Lebensmittel, die nach der TCM-Lehre nicht so heiß sind: Einige Fischsorten, zum Beispiel Kabeljau und Seelachs. Aber Vorsicht vor Scampi, Langusten, Hummer: Die wirken sehr entzündungsfördernd, auch Fischhaut.

Auf die persönliche Bilanz achten

"Letzten Endes stellt sich immer wieder die Frage", fasst Sabine Kakizaki zusammen: "Wie sieht meine Gesamtbilanz aus, befinde ich mich im Gleichgewicht?" Das herauszufinden, dabei kann Achtsamkeit helfen: die Dinge erst einmal wahrnehmen, fühlen, nicht unterdrücken, nicht beurteilen.

Hier gibt's noch mehr Infos zum Thema Ernährung nach TCM:
http://gesund.co.at/ernaehrung-nach-tcm-12526/




Montag, 14. September 2015

Ist unsere Haut, was wir essen? Skin Picking Newsletter September 2015

Hallo zusammen!


Inhalt:

  1. Unser nächster Treff mit Vortrag – ACHTUNG! Anderer Treffpunkt!
  2. Die „Bild“ hat Skin Picking entdeckt
  3. Anfrage einer Fernseh-Produktionsfirma – Interessenten bitte melden!
  4. „Die Fremde in mir“: zwei neue Geschichten auf www.skin-picking.de
  5. Weitere Treff-Termine
  1. „Ist unsere Haut, was wir essen?“ Unser nächster Treff wird was ganz Besonderes!

Keine Schokolade, keine Chips futtern, dann verschwinden die Pickel. So die Standardauskunft. Manch eine hat's probiert, nur „gesund“ gegessen – und trotzdem blühte die Haut weiter.


Aber vielleicht ist das Rezept Ernährungsumstellung auch nicht ganz so einfach? Vielleicht gibt es auch alternative, wenig bekannte Ansätze? Wir haben die Heilpraktikerin und Ernährungsberaterin Sabine Kakizaki zum Vortrag eingeladen. Ihre Beratung fußt auf der traditionellen chinesischen Medizin und der Lehre von den fünf Elementen.

Heilpraktikerin Sabine Kakizaki Bild:
Für den Vortrag haben wir einen größeren Raum gemietet!

Termin: Montag, 21. September, 19 Uhr
Der Eintritt ist frei!

Achtung! Treff ist deshal diesmal nicht im gesundheitsladen, sondern in der Selbsthilfe-Kontaktstelle („KISS“) beim Paritätischen Wohlfahrtsverband.
Adresse: Marsilstein 4-6, 50676 Köln.

Wenn unten die Tür zu ist, bitte das Klingelschild „Konferenzraum“ benutzen.
Der Konferenzraum ist im 1. Stock - Treppe hoch, dann links.

Anfahrtsbeschreibung findet ihr hier: http://www.kisskoeln.de/content/e626/e648/index_ger.html

  1. Die „Bild“ hat Skin Picking entdeckt!

Ganz aktuell: In der Bild-Zeitung findet sich ein Interview mit Prof. Dr. Antje Hunger, Therapeutin und bisher so ziemlich die einzige deutsche Forscherin auf dem Gebiet Skin Picking!


Der Artikel ist gut – im Ton verblüffend sachlich und un-„bild“lich! Liegt vielleicht daran, dass er in der Ratgeber-Rubrik "Bild Körper-Atlas" erschienen ist.

  1. Anfrage einer Fernseh-Produktionsfirma – Interessenten bitte melden!

Mit hat die Anfrage einer TV-Produktionsfirma erreicht, diesmal im Auftrag von Sat.1. 
Ich zitiere aus der Mail: 
„Für das neue Sat.1-Magazin "Unser Tag" mit Mara Bergmann wollen wir gern einen sensiblen circa 4-minütigen Beitrag über eine Betroffene drehen.“ 

Wir haben bei unserem Dreh mit RTL (wie berichtet) die Erfahrung gemacht: Das Fernsehen beißt nicht! Und es ist wichtig, über Skin Picking in den Massenmedien zu berichten, damit die vielen Tausend Betroffenen nicht länger denken, sie seien allein auf dieser Welt mit ihrer „blöden Angewohnheit“! :)

Auch hier werden Protagonisten gesucht, die bereit sind, ihre Geschichte – mit oder ohne Namensnennung – zu erzählen. Wer mag? Bitte eine Mail an dermatillomanie(ät)gmx(punkt)de schicken. Ich gebe die Kontaktdaten gerne weiter!
  1. „Die Fremde in mir“: Zwei neue Geschichten vom Skin Picking

J. ist Soldatin und hat ein besonderes Problem: Sie knibbelt stark an ihren Fingern. Ihre Partnerin hilft ihr, es sein zu lassen – aber sie ist auch nicht immer da. Auf www.skin-picking.de erzählt J. ihre Geschichte: Das etwas andere Skin Picking

A., gerade 17, fühlt sich, als sei da eine Fremde in ihr: Eine, die plötzlich anfängt, die Haut zu bearbeiten. Warum macht sie das? Hier geht es zu der Geschichte: Die Fremde in mir

  1. Weitere Treff-Termine

Treff ist jeden 3. Montag eines Monats, immer um 19 Uhr. Hier die weiteren Termine:
19. Oktober, 16. November und 21. Dezember.

Montag, 19. Januar 2015

"Es ist diese hilflose Wut"

Interview mit Monika Neumann-Justen, 64, Psychotherapeutin und Hautärztin, Bonn

Monika Neumann-Justen. (Bild: Ingrid Bäumer)
Frau Neumann-Justen, seit unserem ersten Interview sind knapp drei Jahre vergangen. Sie haben sich aus Ihrer Hautarztpraxis zurückgezogen, aber was hat sich in der Zwischenzeit im therapeutischen Bereich getan?

Monika Neumann-Justen: Ich habe viele Anfragen von Skin Pickern erhalten. Unser Gespräch hat mir viele schwierige, aber auch interessante Patientinnen beschert.

Wie viele Patienten mit Skin Picking sind denn bei Ihnen in Therapie?

Es sind knapp zehn Langzeit-Patienten. Ich arbeite tiefenpsychologisch, aber diese Patienten kommen nicht wie üblich einmal pro Woche, sondern alle zwei bis vier Wochen zur Behandlung. Meist sagen sie, es werde ihnen zu viel, es beeinträchtige sie im Alltag. Dadurch ergibt sich eine lange Dauer, aber bei einer moderaten Stundenzahl.

Wie wirken Skin Picker auf Sie? Was sind ihre Besonderheiten?

Gemeinsam ist ihnen ein enormes Kontrollbedürfnis. Meist funktionieren sie auch gut im Beruf, sind gesellschaftsfähig - trotz des Leidens, das ihr Skin Picking ihnen verursacht. Und ganz oft findet sich ein familiärer Hintergrund, der von traumatischen Erlebnissen geprägt ist: Erfahrungen von Gewalt bis hin zu sexuellen Übergriffen zwischen dem dritten und elften Lebensjahr, einer Phase, in der das Kind sich noch nicht wehren kann. Diese Menschen sind geprägt von Angst, die sie nicht spüren und die sich in hilflose Wut verwandelt hat. Diese Wut wird gegen die eigene Person gerichtet, zum Beispiel in Form von Skin Picking. Und ist das erst einmal über Jahre „eingeübt“, kommt definitiv ein Gewohnheitsfaktor hinzu.

In unserem ersten Gespräch sagten Sie, dass es manchen Menschen schwerfalle, Angst von Wut zu unterscheiden. Wie hängt das denn zusammen?

Wenn ein Kind Gewalt erlebt, hat es furchtbare Angst. Es erlebt Hilflosigkeit und Ausweglosigkeit. Damit einher geht aber auch das Gefühl großer Wut wegen der Ungerechtigkeit dieser Gewalt, oft genug durch die Menschen, die es am meisten liebt. Doch ein Kind ist nicht stark genug, um sich zu wehren und es erhält in seiner Hilflosigkeit keine Unterstützung. So entwickelt es Angst vor der eigenen Wut. Als Ventil, um Wut und Angst nicht zu fühlen, nutzt es Selbstverletzungen wie Skin Picking. Zum Glück kommt man in der Therapie recht leicht an diese Gefühle heran.

Gibt es bei allen eine Gewalt- oder Missbrauchsgeschichte?

Manchmal gibt es auch andere Gründe. Eine meiner Patientinnen wurde in ihrem Elternhaus extrem überbehütet, das reale Leben hat sie dann völlig überfordert. Skin Picking kann auch im Erwachsenenalter anfangen: Ein männlicher Patient, erhielt vor ein paar Jahren ein fremdes Organ transplantiert und muss lebenslang Medikamente nehmen, damit das Organ nicht abgestoßen wird. Er lehnt diese Medikamente ab, aber er hat keine Wahl. Auch er fühlt sich machtlos. So richtet er die Aggression gegen sich selbst und fügt sich Verletzungen zu. Es ist immer wieder diese hilflose Wut.

Wie gehen Sie therapeutisch an Skin Picking heran?

Ich arbeite tiefenpsychologisch, beziehe aber auch verhaltenstherapeutische Elemente ein. In der Therapie sehe ich Patienten als „Experten in eigener Sache“ - wir sind also zwei Experten, die zusammenarbeiten, damit es dem Patienten besser geht.

Welche Methoden haben sich als effizient erwiesen?

Um gegen den Gewohnheitsfaktor im Skin Picking an zu arbeiten, empfehlen sich durchaus verhaltenstherapeutische Mittel. Beispielsweise bitte ich die Patientin, mit ihren Fingerknöcheln über die Haut zu rubbeln statt mit den Nägeln zu kratzen, was die Haut aufreißt. Es gibt viele Möglichkeiten, den Knibbel-Impuls umzuleiten. Ihn zu unterdrücken, das funktioniert allerdings gar nicht.

Welche Möglichkeiten gibt es denn noch?

Wenn ein Patient neu zu mir kommt, probieren wir erst einige verhaltenstherapeutische Tricks. Zum Beispiel, statt knibbeln im Gesicht ein medizinisches Peeling verwenden, Chi-Gong-Kugeln in die Hand nehmen und rotieren lassen - um die Finger beschäftigt zu halten. Oder beim Abschminken Handschuhe anziehen, um erst gar nicht die Fingernägel einsetzen zu können. Oder den Badezimmerspiegel mit einer Folie abkleben, damit man die eigene Haut nicht mehr so genau darin sieht. In manchen Fällen hilft das schon.

Und wenn es nicht hilft?

Dann folgt die nächste Stufe: Ich versuche, den Menschen dazu zu bringen, dass er sich selbst mit seinem Verhalten akzeptiert. Dazu begeben wir uns auf eine Entdeckungsreise in seine Psyche: Was waren das für Situationen, in denen er diese hilflose Wut gespürt hat? Man muss das respektvoll ansprechen. Überhaupt: Das Allerwichtigste in der Behandlung ist Respekt. Denn Skin Picking fällt nicht vom Himmel, es ist eben nicht nur Spannungsabfuhr.

Und über die kindliche Wut zu sprechen, das funktioniert?

Natürlich nicht immer. Ein erster Erfolg ist erreicht, wenn ein Patient Trauer fühlen kann: Trauer um das, was ihm zugestoßen ist. Dann kann er das Knibbeln meist lassen. In Situationen mit hohem Druck fängt er aber erfahrungsgemäß wieder damit an. Und dann wird er wütend, hasst sich selbst. Dieser Hass jedoch steigert nur das Skin Picking. Deshalb ist es ganz wichtig, dass Patienten lernen, gnädig mit sich selbst zu sein. Und sich trauen, genau hinzuschauen: Was hat mich wieder zum Knibbeln bewegt?

Was halten Sie davon, mit Medikamenten den Knibbeldrang zu vermindern?

Medikamente sind meiner Meinung nach in der Regel nicht hilfreich. Verschreibungen werden aber zunehmen, weil Skin Picking im DSM-5 unter „Zwangsstörungen und Ähnliche“ eingeordnet wird. Bei Zwangsstörungen werden von Psychiatern zum Beispiel selektive Serotonin- Wiederaufnahme-Hemmer oder trizyklische Antidepressiva eingesetzt. Diese Medikamente machen bei Skin Pickern eher keinen Sinn. Der Patient funktioniert dann vielleicht vordergründig besser in seinem sozialen Umfeld, aber es wird schwerer, an die Ursachen der Störung heranzukommen.

Sie sprachen das DSM-5 an, das Diagnosemanual der Amerikanischen Psychiatrischen Association (APA). Es gilt als Trendsetter für Europa und viele Skin Picker sind froh, dass das, was ihnen Leiden verursacht, endlich als eigenständiges Störungsbild anerkannt ist. Sie finden es aber anscheinend nicht so hilfreich – warum?

Ich warne vor der Einordnung in die Kategorie „Zwangsstörungen und Verwandte“. Natürlich hat Skin Picking etwas Zwanghaftes. Aber Zwang ist allgegenwärtig, bei vielen psychischen Erkrankungen. Er dient der Abwehr unerwünschter Gefühle wie Angst und Kontrollverlust. Nur weil jemand einen Zwang entwickelt hat, leidet er also noch lange nicht unter einer Zwangserkrankung. Hier wird Missverständnissen Tür und Tor geöffnet.

Wo wäre Skin Picking denn besser aufgehoben?

Vorher galt Skin Picking als Impulskontrollstörung - und dahin passt es meiner Meinung nach auch viel besser. Und es ist eine so himmlisch unverständliche Diagnose: Sie stigmatisiert die Patienten nicht so sehr. Zwangsstörungen dagegen gelten als schwer therapierbar. Ein Patient, bei dem eine Zwangsstörung diagnostiziert wird, fällt gleich in eine prognostisch ungünstige Gruppe.

Und was bedeutet das für den Betroffenen?

Er findet vielleicht keinen Therapeuten, weil die Behandlung von Zwangsstörungen bei Therapeuten als anstrengend und nur mäßig erfolgversprechend gilt. Noch schlimmer wird es, wenn ein Arzt oder Psychologe einem Patienten attestiert, er hätte eine „zwanghafte Persönlichkeitsstörung“. Denn die gilt als noch schwerer therapierbar. Skin Picker haben jedoch in den meisten Fällen gar keine so schwerwiegende Störung. Die Einsicht in die eigene Störung unterscheidet Skin Picker deutlich von Menschen mit Persönlichkeitsstörungen. Meistens funktionieren sie ja auch sehr gut im beruflichen Umfeld. Wie Sie sehen: Es gibt Diagnosen, die dem Patienten mehr schaden als nützen.

Warum haben dann die Autoren des DSM-5 Skin Picking dann Ihrer Meinung nach in der Nähe bei den Zwangsstörungen untergebracht?

Hier sprechen Sie ein ganz heißes Eisen an. Besonders in Europa gibt es Kritik am DSM-5: Viele der maßgeblichen Autoren sollen der Pharma-Industrie nahestehen, forschen beispielsweise für Pharmafirmen oder erhalten Vortragshonorare. Europäische Psychotherapeuten sehen die Gefahr, dass immer mehr Menschen Medikamente erhalten, wenn im DSM-5 die Kategorie der Zwangsstörungen so sehr ausgeweitet wird: Zur Behandlung werden dann ja fast regelhaft Psychopharmaka empfohlen.

Permalink dieses Blogposts:
http://meine-haut.blogspot.com/2015/01/es-ist-diese-hilflose-wut.html

Dienstag, 13. Januar 2015

Skin Picking Newsletter Januar 2015

Frohes neues Jahr allerseits! :)

Inhalt:
  1. Unser nächstes Treffen
  2. Bitte macht mit! Studie zur Diagnose von Skin Picking
  3. "Mein Leben mit Skin Picking" - tolles Blog einer 17-Jährigen
  4. Geplante Aktivitäten für 2015
  5. Artikel über Skin Picking im "Ärzteblatt"
  6. Weitere Treff-Termine
--
  1. Das nächste Treffen unserer Selbsthilfegruppe ist am
Montag, 19. Januar 2015
19 Uhr
im "gesundheitsladen köln", Venloer Straße 46, Erdgeschoss

Leicht erreichbar mit Stadtbahn-Linie 5 (Haltestelle Hans-Böckler-Platz) und per S-Bahn (Haltestelle Bahnhof West).
Eingeladen sind wie immer alle von Dermatillomanie (Skin Picking, Acné excoriée) und Trichotillomanie Betroffenen. <3

--
  1. Bitte macht mit: Fragebogen zur Diagnose von Skin Picking!

    Christina Gallinat studiert Psychologie an der Universität Heidelberg. Für ihre Masterarbeit hat sie sich einen englischsprachigen Diagnose-Fragebogen für Skin Picking vorgenommen: Sie untersucht, ob man ihn für Deutschland übernehmen kann. Dazu hat sie den Fragebogen übersetzt und zum anonymen Ausfüllen ins Netz gestellt. Je mehr Menschen ihn ausfüllen, umso aussagekräftiger sind die Ergebnisse!

    Link zum Fragebogen: https://www.soscisurvey.de/HautundWohlbefinden/

    Im zweiten Schritt wird gefragt, wie sinnvoll der Fragebogen ist und ob er in der praktischen Arbeit nützt.
    Das Ausfüllen dauert 10 bis 15 Minuten.
    Und hier geht's zum Fragebogen: https://www.soscisurvey.de/HautundWohlbefinden
--
  1. "Mein Leben mit Skin Picking" - tolles Blog
"Ich habe mich getraut!" Jacqueline ist stolz auf sich, denn sie ist ungeschminkt ins Theater gegangen. In ihrem Blog "Mein Leben mit Skin Picking" berichtet die junge Frau von ihren Erlebnissen.
Profilfoto von Jacqueline. Link zum Blog: http://mein-leben-mit-skinpicking.blogspot.de/
Das macht Mut und ist sehr lesenswert!

--
  1. Geplante Aktivitäten der Selbsthilfegruppe für 2015

    Ich freue mich, dass ich in diesem Jahr so viele Anregungen erhalten habe – Und hier sind die Vorschläge:
    - Vortrag einer Hypnotherapeutin – was kann Hypnose bei Skin Picking leisten?
    - Vortrag einer Ernährungsberaterin – hängen Hautbild und Ernährung zusammen?
    - Vortrag einer Hautärztin: Was sind die körperlichen Aspekte von Skin Picking, welche Hautpflege empfhiehlt sie, was kann man mit Medikamenten erreichen?
    - Vortrag einer Therapeutin über die "Bürokratie" rund um Psychotherapie: Welche unterschiedlichen Therapieformen gibt es, welche davon sind für Skin Picking besonders geeignet, wie verläuft die nervenaufreibende Therapeutensuche möglichst kurz und stressfrei?
Ob wir das alles in diesem Jahr schaffen, weiß ich nicht – aber die Themen bleiben ja auch 2016 aktuell ;) Wenn Termine gesetzt sind, erfahrt ihr es hier im Newsletter.

Vielen Dank an alle, die mitgemacht haben!

--
  1. Artikel im Ärzteblatt über Skin Picking
Je mehr Fachleute über Skin Picking erfahren, desto besser für Betroffene. Deshalb ist es sehr erfreulich, dass das "Ärzteblatt" einen langen Artikel über Skin Picking in seiner Dezemberausgabe gebracht hat. Auch wenn er nicht ganz aktuell ist: Die Autorin ordnet Skin Picking den Impulskontrollstörungen zu. Es fehlt jeder Hinweis darauf, dass Skin Picking im amerikanischen Diagnosemanual DSM-5 inzwischen unter "Zwangsstörungen und Verwandte" einsortiert ist – ob zurecht oder nicht, ist dann noch mal eine andere Frage.

Hier der Link zum Text:  http://www.aerzteblatt.de/archiv/165551

--
  1. Weitere Treff-Termine der Selbsthilfebgruppe – zum Eintragen in den Kalender:
    Montag, 16. Februar, 19 Uhr
    Montag, 16. März, 19 Uhr
    Montag, 20. April, 19 Uhr
--
So, das war's schon wieder!
Einen schönen Start in 2015 wünscht euch
das Krätzchen

Permalink dieses Posts:

Dienstag, 14. Oktober 2014

Pickel wegretuschiert: Lorde weist auf Bildmanipulation hin

"Denk daran: Makel sind okay", sagt Lorde. Die erst knapp 18 Jahre alte neuseeländische Musikerin hat mit ungewöhnlichen und eindringlichen Songs Erfolg. Und offenbar gelegentlich noch mit Akne zu kämpfen.

Bei einem Konzert im März wurden Fotos gemacht, auf denen unter der Schminkeschicht Pickel zu sehen sind. Doch das ist nicht das Bemerkenswerte für die Künstlerin, sondern die Tatsache, dass es Fotos vom gleichen Konzert gibt, auf denen ihre Haut makellos erscheint. Für sie der Beweis dafür, dass in mindestens einer Redaktionen Bilder retuschiert wurden, um die Musikerin hübscher erscheinen zu lassen. "Ich finde das seltsam", teilt sie über Twitter mit.

Auf Twitter weist Lorde darauf hin, dass Bilder retuschiert werden. Quelle: https://twitter.com/lordemusic
Es ist inzwischen eine Binsenweisheit, dass Bilder "gephotosphopped" werden, wie es wegen des omnipäsenten Bildbearbeitungsprogrammes auch heißt. Doch ungewöhnlich, dass ein Star zu seinen Schönheitsfehlern steht. Und nicht nur Fans lieben sie dafür: Das Tweet wurde inzwischen fast 73.000 Mal geteilt. Lordes Reaktion ist eine wohltuende Abwechslung in dem täglichen Berg von retuschierten Bildern, die ein perfektes Frauenbild propagieren.

Nicht nur Teenager haben unter Pickeln zu leiden, sondern auch viele Frauen (und Männer), die zwanghaft ihre egene Haut verletzen - eine psychische Krankheit, die auch "Acné excoriée", also "Schürf-Akne" genannt wird. Andere Namen dafür sind Skin Picking und Dermatillomanie. Betroffen sind laut wissenschaftlichen Untersuchungen mehr als ein Prozent der Bevölkerung.

Auch in Lordes Texten schillert manchmal ein Körperbewusstsein durch, in dem sich viele Skin Picker wiederfinden. So heißt es in den ersten Zeilen von "Yellow Flicker Beat":

I'm a princess cut from marble, smoother than a storm
And the scars that mark my body, they're silver and gold
My blood is a flood of rubies, precious stones

 Dazu veröffentlichte sie dies Foto auf Twitter (hier ein Bildausschnitt):

Quelle: https://twitter.com/lordemusic

Text auf die Haut geschrieben - wie die Wunden und Narben, von denen sie singt und die ihren Körper "kennzeichnen". Statt sie nur als hässlich und beschämend anbzutun, bietet Lorde hier eine alternative Sichtweise an: Narben als etwas Wertvolles, Bedeutungsvolles. Das hat etwas Märchenhaftes, wie schon der Einstieg "I'm a princess ..." verdeutlicht. Doch es ist eine Alternative zu dem Schönheitsdiktat, das uns der Mainstream aufzwingt.

Permalink dieses Beitrags:
http://meine-haut.blogspot.com/2014/10/pickel-weg-lorde-weist-auf.html